Wartezeiten bei Fachärzten explodieren – System der Dringlichkeitscodes unter Generalverdacht
Charlotte SimonWartezeiten bei Fachärzten explodieren – System der Dringlichkeitscodes unter Generalverdacht
Wartezeiten auf Facharzttermine in Deutschland haben sich trotz Bemühungen, den Zugang zu beschleunigen, weiter verlängert. Die durchschnittliche Wartezeit für nicht dringende Fälle stieg bei gesetzlich Versicherten von 33 Tagen im Jahr 2019 auf 42 Tage im Jahr 2024. Nun stellen Ärzte und Prüfer infrage, ob das aktuelle Überweisungssystem wie vorgesehen funktioniert.
Im Mittelpunkt der Kritik steht die Nutzung von Dringlichkeitscodes, mit denen Patienten lange Wartezeiten umgehen können. Einige Fachärzte sollen diese Codes ausgenutzt haben, um ihre Einnahmen zu steigern. Gleichzeitig berichten Hausärzte, sie fühlten sich unter Druck gesetzt, Überweisungen als dringend zu kennzeichnen – selbst wenn dies medizinisch nicht gerechtfertigt ist – nur um ihren Patienten lange Wartezeiten zu ersparen.
Allein in Nordrhein-Westfalen haben über 200 Hausärzte Fälle gemeldet, in denen Fachärzte unnötige Dringlichkeitsüberweisungen verlangten. Bundesweit gaben rund 750 von 800 befragten Hausärzten an, auf ähnliche Praktiken gestoßen zu sein. Der Spitzenverband der Fachärzte (SpiFa) betont, dass Dringlichkeitscodes nur bei tatsächlich medizinischer Notwendigkeit eingesetzt werden sollten, und lehnt jeden Missbrauch des Systems ab.
Das Problem beschränkt sich jedoch nicht auf Einzelfälle. Der Bundesrechnungshof stellte fest, dass sich die Wartezeiten trotz zusätzlicher Ausgaben nicht verbessert haben. Gleichzeitig fordern nun sowohl der GKV-Spitzenverband als auch der Rechnungshof eine vollständige Abschaffung der aktuellen Regelungen. Viele Hausärzte bestätigen zwar, dass dringende Fälle weiterhin schnell behandelt werden, kritisieren jedoch, dass das System zusätzlichen Arbeitsaufwand und finanzielle Belastungen schafft.
Auch Patienten zeigen sich verärgert, wenn Hausärzte sich weigern, Dringlichkeitsüberweisungen auszustellen. Die Spannungen lassen die Ärzte zwischen beruflichen Richtlinien und Patientenerwartungen hin- und hergerissen zurück.
Die Debatte offenbart eine Kluft zwischen politischen Zielen und der Realität. Angesichts weiter steigender Wartezeiten und Kosten werden die Rufe nach einer Reform immer lauter. Jede Veränderung müsste jedoch einen fairen Zugang für Patienten mit einer tragbaren Arbeitsbelastung für Ärzte in Einklang bringen.