Matthias Schmidt dreht den Spieß um: Warum der Westen jetzt im Fokus steht
Moritz NeumannMatthias Schmidt dreht den Spieß um: Warum der Westen jetzt im Fokus steht
Regisseur Matthias Schmidt dreht den Spieß um – und bricht mit einer alten Tradition der deutschen Medienlandschaft. Sein neuer Dokumentarfilm "Wut. Jetzt fahren wir in den Westen" kehrt die gewohnte Erzählperspektive um und rückt das Leben in Nordrhein-Westfalen in den Fokus – eine Region, die trotz ihrer Probleme oft übersehen wird. Statt dass westdeutsche Journalisten in den Osten reisen, begibt sich Schmidt in den Westen, um Fragen zu stellen, die sonst meist dem ehemaligen Osten Deutschlands gestellt werden.
Schmidt, preisgekrönter Regisseur und Träger des Grimme-Preises, wählte Nordrhein-Westfalen wegen seines Rufs als postindustrielle Region mit ramponiertem Image. Der Blick fällt auf ein Bundesland, das mit maroder Infrastruktur und wirtschaftlichem Niedergang kämpft. Im Gespräch mit Einheimischen, Zugewanderten aus der DDR und Menschen mit Migrationshintergrund deckt er Frustrationen auf, die seit Jahren schwelen.
Ein Bewohner, Burak Yilmaz, ein Deutscher mit türkischen Wurzeln, weist darauf hin, dass in seinem Viertel seit vier Jahrzehnten keine Investitionen mehr geflossen sind. Kerstin Buscha, ursprünglich aus dem ostdeutschen Hoyerswerda, lebt mittlerweile im Ruhrgebiet – und fühlt sich doch weiterhin ihren ostdeutschen Wurzeln verbunden. Der Film zeigt auch konkrete Missstände, wie die gesperrten Abschnitte der Sauerland-Autobahn, deren Brücken seit 2021 unbenutzbar sind.
Schmidts persönliche Verbindung zur Region verleiht dem Projekt zusätzliche Tiefe. Sein erster Besuch in Nordrhein-Westfalen datiert auf das Jahr 1989 – ein Jahr des Umbruchs in Deutschland. Der Soziologieprofessor Raj Kollmorgen verweist auf einen zentralen Unterschied: Der Westen verfügt über jahrzehntelange Erfahrung mit Migration, anders als der Osten. Dieser Kontrast prägt die Perspektive des Films, in dem Schmidt untersucht, was Wut und Widerstandskraft in einer Region nährt, die oft nur als verblassendes Industrierevier abgetan wird.
Der Dokumentarfilm ist nun in der ARD-Mediathek abrufbar und bietet den Zuschauer:innen eine seltene Umkehr der üblichen Ost-West-Betrachtung. Er zeigt ein anderes Gesicht des deutschen Westens – geprägt von Vernachlässigung, kulturellen Verschiebungen und unbeantworteten Fragen. Indem Schmidt Nordrhein-Westfalen in den Mittelpunkt stellt, hinterfragt er die Annahme, dass nur der Osten die Last postindustrieller Krisen trägt. Die Geschichten von Yilmaz, Buscha und anderen offenbaren eine Region, die um ihre Identität ringt – und einen Filmemacher, der ihr eine Stimme geben will.






